Diamantenrausch in Sierra Leone

Wenn Reporter Georg Berg bei seiner letzten Lustfaktor-Reportage – noch vor wenigen Wochen – in Sierra Leone seine Augen weiter geöffnet hätte, würde er wohl als glücklicher Finder eines der größten Diamanten von Sierra Leone in die Geschichte eingehen. Aber es kam anders.

Pastor Emmanuel Momoh aus Koidu hat einen Nebenjob. In der Ostprovinz Sierra Leones sucht er nach Diamanten und hat bisher sein Gehalt damit nur geringfügig aufgebessert. Vor zwei Wochen aber traute er seinen Augen nicht. In der schlammigen Brühe des Woyie Flusses erkennt er einen größeren Brocken, der braun aussieht und uns an Bernstein erinnern würde.

Üblicherweise werden Diamanten in Sierra Leone von den Findern in Hinterhöfen verkauft. Werden hier eher Autos oder Geld gewaschen / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Auch hinter Tankstellen funktioniert der Handel / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Mit 706 Karat ist „Momohs Diamant“ zweitgrößter in Sierra Leone

Mit 706 Karat ist „Momohs Diamant“ der nach dem 1972 gefundenen „Stern von Sierra Leone“  zweitgrößte in Sierra Leone gefundene Diamant. Weltweit sind bislang nur neun größere Diamanten gefunden worden.

Hitliste der Großdiamanten

Spitzenreiter ist der 1905 in Südafrika gefundene 3107 Karat schwere „Cullinan“. Aus ihm wurden mehrere Schmuckdiamanten geschliffen, von denen zwei zu den englischen Kronjuwelen gehören. 

An die zweite Stelle der funkelnden Hitliste hat es vor zwei Jahren ein Fund aus Botswana geschafft. Der „Lesedi La Rona“ bringt 1111 Karat auf die Feinwage. Er hat damit den drittplatzierten Diamant „Excelsior“ überholt, der 995 Karat wiegt und 1893 in Südafrika gefunden wurde.

Auf der vierten Stelle der Weltbestenliste liegt der „Stern von Sierra Leone“, gefolgt von „Incomparable“, der 1980 im Kongo gefunden wurde und 890 Karat wiegt. In Indien wurde  im Jahr 1650 der damals schwerste 797,5 Karat wiegende Diamant gefunden. Heute liegt der „Großmogul“ auf Platz 6 der Top Ten.

Vor dem jüngsten Fund aus Sierra Leone liegen noch auf dem 7. Platz „Golden Jubilee“, 755 Karat (Südafrika 1985) gefolgt von „Präsident Vargas“, 726,8 Karat (Brasilien 1938) und „Jonker“, 726 Karat (Südafrika 1934).

Öffentliche Versteigerung ist in Freetown, Sierra Leone, vorgesehen

Den jetzt jüngsten Großdiamanten hält Tage später der Präsident Sierra Leones, Ernest Bai Koroma, in der Hand und freut sich, dass der Pastor nicht wie viele andere versucht hat, den Edelstein über dunkle Kanäle zu verkaufen. So kann das arme Land, das am Anfang des Jahrhunderts wegen seiner Diamanten einen zehnjährigen Bürgerkrieg erlebt hat, endlich auch dringend benötigte Steuern einnehmen.

So richtig heimlich ist der Rohdiamantenhandel nicht … / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
… zumal die Handelsbüros gut bewacht sind / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Pastor Emmanuel Momoh, der den Diamanten mit bloßen Händen aus dem Fluss geborgen hat, erhält einen Anteil des öffentlich bekannten Verkaufserlöses. Bei der Versteigerung, für die in Freetown, Sierra Leone der 5. April 2017 angesetzt ist, dürfte je nach Reinheit des Diamanten ein siebenstelliger Eurobetrag erlöst werden.

Für die Verhältnisse in Sierra Leone ist das eine aufwändige Werbung / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Diamonds are a girl’s best friend

Marilyn Monroe stellt Diamanten in ihrem Song freundlich dar. In Wirklichkeit sind sie aber häufig Gegenstand schmutziger Geschäfte.

Auf meiner Reise durch Sierra Leone sind mir in einigen Städten Läden der Diamantenhändler aufgefallen. Welche Geschäfte hinter diskreten Fassaden getätigt werden und welche heimlichen Wege die gefundenen Diamanten dann einschlagen, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Jedenfalls ist es gemäß dem Kimberley Prozess nur der Regierung von Sierra Leone erlaubt, Zertifikate für Rohdiamanten auszustellen. Damit soll der illegale Export unterbunden werden, der in der Vergangenheit Rebellenorganisationen finanziert hat. Der bekannte Hollywoodfilm „Blutdiamanten“ mit Leonardo Di Caprio und Djimon Hounsou hat uns den Teil der Geschichte Sierra Leones drastisch vor Augen geführt. Als im Jahr 2002 der Bürgerkrieg zu Ende war, hatten mehr als 100.000 Menschen ihr Leben verloren und noch heute sind viele verstümmelt.

Satellitenschüsseln lassen auf länderübergreifende Kommunikation schließen / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Strenge Gepäckkontrollen für Reisende

Wer aus Sierra Leone ausreist, muss sich auf detaillierte Gepäckkontrollen einstellen, bei denen akribisch nach Diamanten gesucht wird und das nicht nur im Handgepäck. Mir ist nach meiner Rückkunft erst am Brüsseler Flughafen aufgefallen, dass das Schloss eines Koffers aufgebrochen war und der Inhalt komplett durchsucht worden sein muss. Sogar der Gummiverschluss, mit dem die Aufladebuchse einer Drohnenfernsteuerung verschlossen wird, ist herausgerissen worden. Vermutlich weil das ein beliebtes Versteck für Diamantenschmuggler ist.

Für die Zukunft des Rohdiamantenhandels, sollte das Verhalten des glücklichen Finders ein gutes Beispiel sein / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Pastor Emmanuel Momoh jedenfalls verbindet mit seiner Aktion, für die er in den sozialen Medien Sierra Leones viel Spott kassiert hat, die Verantwortung, dass jeder etwas vom Glück abbekommen sollte: der Finder und die Gesellschaft.

Das ist eine Reportage von Lustfaktor-Redakteur und -Fotograf Georg Berg.