Die Mischung macht’s: eine Collage aus Historie und Zeitgeist

Der Renthof, 1298 als Karmeliterkloster gegründet, hat die Wirren vieler Jahrhunderte überstanden. Er hat als Hofschule, Ritterakademie und kurzzeitig als Universität und später als Gerichts- und Verwaltungssitz gedient. Der Namen bezieht sich auf die damalige Rente, den Abgaben im Grundherrschaftssystem. Der Renthof und die zum Gebäudekomplex zugehörige Alte Brüderkirche liegen nah an der Fulda und sind so etwas wie die Keimzelle des alten Kassels. Hier und dort blitzen in der Stadt, die seit dem Zweiten Weltkrieg große städtebauliche Narben trägt, noch historische Bauten aus der spröden Nachkriegsbebauung heraus. Den Kirchturm der Alten Brüderkirche, die bereits vor 15 Jahren entweiht worden ist und seitdem für Veranstaltungen zur Verfügung steht, sieht man schon von weitem. Im Documenta-Jahr 2017 öffnet für Reisende und auch für die Kasselaner nun ein Haus seine Türen, wie es die Stadt zuvor noch nicht gesehen hat.

Alte Brüderkirche und der zur Fulda gewandte Teil des Renthofs: Im Jahre 1298 als Karmeliter-Kloster erbaut. Bei der Renovierung sind viele bauliche Schätze gehoben worden / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Im Juni 2017 eröffnet der Renthof nach drei Jahren Umbauphase, als Hotel, Restaurant und Event-Location. Von einem Soft-Opening mit genügend Einarbeitungszeit für das ganze Team, wie sich das Hotel-Direktorin Undine Bay im optimalen Fall gewünscht hat, kann da keine Rede mehr sein. Das Renthof-Team muss sich vom ersten Tag an großen Herausforderungen stellen. Bundespräsident Steinmeier und sein griechischer Amtskollege Pavlopoulos haben die Documenta 14 eröffnet und waren dazu auch Gäste im Renthof. Auch können endlich die bereits gebuchten Hochzeitsfeiern und Tagungstermine stattfinden.

Der Plan, die 800 Jahre alte Klosteranlage für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, geht auf / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Das Wetter ist gut, die Documenta-Gäste haben die Stadt erobert und die Kasselaner sind neugierig auf ihr neues „altes“ Gebäude. Beste Bedingungen, die dafür sorgen, dass der vormals verschlossene Innenhof, der frühere Kreuzgang des Klosters, nun mit rund 50 Sitzplätzen zum beliebten und belebten Treffpunkt wird.

Viele Geheimnisse wurden während der Renovierungszeit gelüftet / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Der neue Renthof in Zahlen

Das Hotel bietet 55 Zimmer. Darunter auch Superior-Doppelzimmer, Suiten und ein Familienzimmer. Das Restaurant hat rund 100 Sitzplätze. Im Sommer ist der mittelalterliche Innenhof der Publikumsmagnet. Für Tagungsgäste gibt es als Rückzugsmöglichkeit für Meetings die Bibliothek für bis zu 20 Personen und einen Konferenzraum für bis zu 100 Personen.

Die Bibliothek mit Lektüre zu den Documenta-Künstlern lässt kreatives Arbeiten für 20 Tagungsgäste zu. Im Anschluss kann dort auch gleich das Essen aus dem Renthof-Restaurant serviert werden / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Die Alte Brüderkirche ermöglicht dann noch die ganz große Nummer. Für 300 Gäste können hier Bankette, Hochzeiten und Empfänge ausgerichtet werden. Stets mit der Möglichkeit, während und nach getaner Arbeit oder Feier noch das Ambiente im Hof, Restaurant oder an der Bar zu genießen. Sogar eine Komplettbuchung ist möglich. Dann können im Areal des Renthofs bis zu 600 Personen feiern und bis zu 100 Personen nächtigen.

Bietet Platz für rund 300 Gäste, die Alte Brüderkirche hat seit dem Umbau einen direkten Zugang zum Hotel und dem schönen Innenhof. Miteigentümer Uwe Kleinkauf hält das Zusammenspiel von Hotel, Restaurant, Tagungsort und Eventlocation für sehr erfolgversprechend / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Die Alte Brüderkirche ist das älteste Gebäude Kassels. Und so ist das heutige Zentrum mit dem Fridericianum fußläufig in nur 10 Minuten erreichbar. Ein schöner Spaziergang entlang der Fulda bis zur Orangerie in der Karlsaue dauert eine Viertelstunde. Dies soweit die Fakten zum Renthof. Aber ein Ort mit Geschichte bietet viele Themen und verlangt einen Blick in die Tiefe.

Blick in die Tiefe: Wer in das Restaurant oder an die Bar möchte, kommt durch die Lounge und gleich in Stimmung. Ein mutiger Stilmix von Farben, Möbeln und Fliesen immer mit dem Charme des alten Gesteins als Kontrast / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Die Verwandlung zum Hotel – Jeder Bogen ein Geschenk

Hinter dem ungewöhnlichen Hotelprojekt stehen das Unternehmerpaar Uwe Kleinkauf und Kirstin Homburg-Kleinkauf sowie Rainer Holzhauer. In Kassel ist Rainer Holzhauer als Gastronom in 6. Generation bekannt. Holzhauer ist außerdem bereits Pächter der zum Ensemble gehörenden Alten Bruderkirche. Als 2014 der Renthof zum Verkauf steht, sieht er darin die Chance den bis dahin unzugänglichen Innenhof als Eventlocation zu nutzen. Das Konzept für Hotel, Restaurant und Veranstaltungsort ist dann gemeinsam mit dem Ehepaar Kleinkauf entstanden. Unter mehreren Bewerbern hat sich das Trio bei der Stadt Kassel mit ihrem Konzept durchgesetzt.

Treppenhaus mit Charakter. Es gibt zwar einen Fahrstuhl, aber wer auf diesen nicht angewiesen ist, sollte sich das Vergnügen machen und durch original knarzenden Barock mit schicken 1970er Leuchten zu wandeln. Zudem ein Ort, an dem man sich gerne fotografieren lässt.: v.r.n.l. die Eigentümer Rainer Holzhauer, Kirstin Homburg-Kleinkauf und Uwe Kleinkauf zusammen mit Lustfaktor-Autorin Angela Berg / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Kirstin Homburg-Kleinkauf, die selber Architektin ist, spricht sehr gelassen von der abenteuerlichen Bauphase. Sie hat im Verlauf der Renovierung gelernt, jeden Torbogen, jeden verborgenen Durchgang und jede Tonnendecke als Geschenk zu betrachten. Auch wenn dies jedes Mal Bauverzögerung und Kostensteigerung bedeutet hat. Die Bauherren sehen darin auch eine Chance, dem Renthof mehr Individualität zu verleihen. Welches Hotel hat schon ein mittelalterliches Plumpsklo im Treppenhaus oder imposante Mauerbögen als Spirituosenregal?

Jeder Bogen ist ein Geschenk, sagt Mitinhaberin Kirstin Kleinkauf. Dieser Bogen, der den Eingangsbereich mit Bistro und Bar verbindet ist ein besonderer Blickfang, an dem kein Gast achtlos vorüber geht. Kleine Beobachtung am Rande: Die Männer sind beim Betreten der Bar mehr an der Statik des alten Gesteins interessiert, während die Frauen den Blick über samtige Sessel und funkelnde Lampen schweifen lassen / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Herausfordernde Schieflage

Der Charme der alten Mauern wird schon im Treppenhaus und in den Fluren versprüht. Was die Handwerker zuerst verflucht haben, so Kirstin Kleinkauf, wird später ihr ganzer Stolz. Rechte Winkel sind die Ausnahme. Alles ist hier schief und krumm. Maßanfertigung, statt Massenware sind gefordert. Das 300 Jahre alte spätbarocke Treppenhaus wird bewusst in der vorgefundenen Schiefheit erhalten. Es knarrt freundlich und auf den Absätzen kann man Halt machen und sich die Fassadenschichten der vergangenen Jahrhunderte anschauen. Kleine Einblicke aus Zeiten der Großbaustelle, bei der jeder Schritt auch mit der Denkmalbehörde abgestimmt wurde.

Schicht für Schicht – 300 Jahre Außenfassade auf wenigen Quadratzentimetern / © Lustfaktor, Foto Georg Ber

Gastfreundschaft und Service

„Der Renthof ist ein privat geführtes Haus, in dem Gastfreundschaft und Service in ungezwungener Atmosphäre groß geschrieben werden. Wir verzichten bewusst auf eine Sterneklassifizierung“, erläutert Hoteldirektorin Bay. Es gibt weder Minibar, Kofferablage noch Bademantel. Dafür sehr individuelle Zimmer.

Suite mit Charme: Alt trifft auf Neu und Samt auf Stein. Der Holzboden ist im ganzen Haus aus hessischer Eiche neu verlegt und auf alt geölt / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Jeder Raum ist geprägt von Fundstücken, die sich bei der Renovierung gezeigt haben. So sind ganze Zimmerwände in rohem Stein belassen. In den Maisonette-Suiten trifft man auf abenteuerliche Balkenverläufe. Besonders im Gebälk der Maisonetten entstehen kleine Rückzugsräume mit gemütlichen Sitzecken und Blick auf die Alte Brüderkirche.

Das alte Gebälk ist in erstaunlich gutem Zustand. Den Atem haben die Bauherren nur angehalten, als im Südflügel sichtbar wurde, dass die Balken der ersten Etage nicht mehr in der Wand lagen und nur noch mit Lehm und Spucke hielten / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Die Gänge zu den Zimmern sind schief und charmant. Die Wände tragen wahlweise ausgefallene Tapeten, Lehmputz mit umweltfreundlichen Wandfarben auf Basis von Kartoffelstärke oder altes Klostergestein / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Kleine, aber feine Maisonette-Suite mit allem was der Renthof zu bieten hat: edle Tapeten, altes Gebälk, roher Stein, und aus dem Bad der Blick auf die Alte Brüderkirche / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Einzelzimmer für moderne Pilger. Die Tapeten der Firmen Rasch und MissPrint haben Kirstin Kleinkauf und Rainer Holzhauer bei ihren Einkaufstouren durch Europa entdeckt. Im ganzen Haus finden sich die ausdrucksstarken Wandtapeten / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Schlicht und schön ein Doppelzimmer mit vielen Naturmaterialien. Im Zentrum das Premiumbett von Coco-Mat für maximal entspannten Schlaf / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Suite mit Möbeln aus Schweden – und nicht was Sie jetzt denken – im ganzen Haus finden sich viele Sitzgelegenheiten der Traditionsfirma Gärsnäs / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Bäder aus Marmor oder Stein. Im alten Stil mit neuem Komfort / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Bad-Komfort von Vorgestern: Das mittelalterliche Plumpsklo im Treppenhaus / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Das Herzstück des Hauses: Bar und Restaurant

Der Pudel markiert sein Revier. Die Bar im Renthof liegt zentral zwischen Lounge und Restaurant und beeindruckt durch Mauerbögen und imposante Deckenhöhe / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Fundstücke mit Symbolkraft

Wer sich pudelwohl fühlt, hat keinen Grund zur Klage heißt es. Der Pudel ist zum Symbol und Maskottchen für den Renthof geworden. Dieser Hund ist auch das erste Stück, dass Rainer Holzhauer und Kirstin Kleinkauf für die Innenausstattung erworben haben. Der Pudel schafft den Sprung als Star auf die Theke der gleichnamigen Bar. Diese wird aber auch von den beiden Mauerbögen dominiert, in denen sich nun Spirituosen und Barequipment imposant in Szene setzen.

Anziehungspunkt am Abend: die Pudelbar. Mindestens so erwähnenswert wie der Pudel, ist auch die Thekenverkleidung. Sie besteht aus dem verrosteten Blech einer alten Scheune, die Rainer Holzhauer bei einem Ausritt zu Pferd entdeckt hat

Doch der Vierbeiner lässt nicht locker. Er ist nun mal die erste große Hundeliebe von Gastronom Holzhauer und somit ist er auch auf dem Porzellan des Restaurants vertreten. Weitere Pudel sollen folgen. Eine Pudel-Bibliothek, so verrät Kirstin Kleinkauf im Gespräch, konnte gerade noch verhindert werden.

Pudel mit Goldrand auf dem Restaurantgeschirr. Leuchtend gelb in der Mitte ein wunderbares Sommergericht: Burrata mit Mango-Minz-Salat. Effektvoll gewürzt mit Olivenöl, crunchigem Meersalz und weißem Pfeffer / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Offenes Haus – Offene Küche

Sie ist der Eyecatcher im Raum, die offene Küche im Restaurant Renthof. Türkise Fliesen, glänzende Messingverkleidung und eine abgerundete Glasfront zum Restaurant. Die offene Küche erinnert an Edward Hoppers berühmtes Bild Nachtschwärmer.

Chefkoch Philipp Hühner und sein Team haben die Gäste im Blick und umgekehrt / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Gastronom Rainer Holzhauer ist sich mit seinem Chefkoch Philipp Hühner einig. „Wir bieten im Renthof eine Küche, die auf Regionalität und Frische setzt.“ Holzhauer ist gelernter Koch. Nach seiner Ausbildung hat er auch die Arbeit in den Brigaden der französischen Spitzengastronomie kennengelernt. „Diesem Dogma wollen wir uns nicht unterwerfen, sagt er. Wir legen Wert auf frische Produkte, arbeiten wo es geht mit Bioprodukten und uns bekannten Lieferanten. Wir sind offen und möchten Gäste von 18 bis 80 Jahren ansprechen.“

In der Mitte des Restaurants steht ein „Table Commune“ mit 20 Sitzplätzen. Er bleibt in der Regel frei für Gäste ohne Reservierung. Eine schöne Gelegenheit mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Schon der Raum mit seiner Architektur und dem Blick in die Küche bietet genügend Gesprächsansätze! / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Gutes Gespann in turbulenten Zeiten. Chefkoch Philipp Hühner und sein Sous-Chef Till Retting haben während der Documenta-Tage extrem viel zu tun / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

An langen Tafeln tafeln – das Fo(u)r Friends Menü

Schon in den wenigen Wochen, die der Renthof auf Hochtouren läuft, hat sich ein Angebot als Liebling der Gäste hervorgetan. Das Menü für Freunde kann ab vier Personen bestellt und untereinander geteilt werden. Die Küche stellt dann ein Menü aus vielen Gemüsebeilagen, Fleisch und auch Fisch zusammen. Das Essen kommt in Töpfen und Schüsseln daher. Wird auf die Tafel gestellt und untereinander geteilt.

Ideal für größere Gruppen. Das Menü „For Friends“ wird auf den Tisch gestellt und die Gäste bedienen sich selbst / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Philipp Hühner stellt fest, dass das For Friends Menü gerade zur Documenta-Zeit ideal für Gäste und die Koch-Crew ist. Größere Gruppen mit einem engen Zeitfenster können entspannt tafeln und die Küche kann schneller liefern. Es werden Fisch, Fleisch und Vegetarisches mit sechs Beilagen serviert. Darunter knusprige Süßkartoffel, Brokkoli und Möhren mit Vanille. Auf Wunsch auch als Menü mit Suppe und Dessert.

Tolle Stimmung und zufriedene Gäste. An den langen Tischen im historischen Innenhof fühlt man sich wie in einer italienischen Altstadt / © Lustfaktor, Foto Georg Berg
Schon ab vier Personen lässt sich das Menü Fo(u)r Friends bestellen und teilen! / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Chefkoch Hühner ist sehr zufrieden mit dem Verlauf der ersten Wochen. Sein Team hat sich im Documenta-Modus eingespielt. Für die Zeit nach der Kunstschau wird es eine neue Menükarte geben mit ersten herbstlichen Noten. Den Schritt nach Kassel zurückzukehren bereut er keineswegs. Ihm war klar, dass etwas Ähnliches wie der Renthof in Kassel kein zweites Mal eröffnet wird.

Glückliche Köche trotz Documenta-Dauereinsatz. Mit fünf Köchen wird an sieben Tagen in der Woche im Restaurant Renthof Mittagstisch und Abendessen angeboten. Da hört der Topf nie auf zu brodeln! / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

Hoteldirektorin Undine Bay und das Eigentümer-Trio Kleinkauf und Holzhauer blicken nach dem gelungenen Start zuversichtlich in die Zukunft. „Das Projekt, das in den drei Jahren der Umbauphase viel Zeit und Kraft abverlangt hat, soll jetzt ohne uns laufen lernen, sagt Uwe Kleinkauf und fügt noch an: „Wir sind aber auch sehr gerne hier.“

Die Verantwortlichen für das unkonventionelle Gesamtwerk Renthof, in dem der Gast nicht weniger als den Zustand des Pudelwohlfühlens erreichen soll, sind auf dem Kamin in Stein gemeißelt: Kirstin, Uwe und Rainer / © Lustfaktor, Foto Georg Berg

(In Kürze erscheint hier eine Reportage über den Besuch unserer Autoren Angela Berg und Georg Berg auf der Documenta 14 in Kassel)

Diese Reportage ist von Lustfaktor-Autorin Angela Berg erstellt.